7. oktober 2007
Samstagabend in der Metropole am Bosporus. Ulas und Nurgül haben mich zu einem Konzert eingeladen. Ich bin erst ganz neu in der Stadt und kämpfe noch gegen die große Anstrengung, die diese Stadt mit sich bringt: ich habe Schnupfen, abends Fieber und Durchfall. Ich wollte nicht hierher. Es waren Zwänge, deren Ursprung mir nicht ganz klar ist. Doch ich bin offenbar hier, auch wenn ich es noch nicht wahrhaben will. Wir wollen uns gegen acht treffen, doch die beiden stecken im unüberwindlichen Samstagabendverkehr auf der ersten Brücke. Die ist immer besonders voll; klar, sie ist die kürzeste Verbindung zweier spannender Bezirke Istanbuls, die sich eigentlich gegenüberliegen aber keine direkte Verbindung haben. Das bürgerliche Kadiköy, zugleich die lebendigste Gegend auf der asiatischen Seite und Beyoglu, Hedonismus pur auf europäischer Seite. Ich wohne zufällig auch in Beyoglu, in der Wohnung einer Japanologie-Professorin, Mutter meiner Freundin Ceylan, die an der Columbia eine Assistentenstelle hat. Eine mit Büchern vollgestopfte Wohnung mit Bosporusblick. Eine echte Oase inmitten dieser Menschenmassen ohne kollektives Bewusstsein. Und vor allem: meins. Die beiden verspäten sich also, denn die Brücke ist gerammelt voll, nichts geht mehr. Ich bin in der Zwischenzeit eingenickt, denn mein Körper ist vollkommen überfordert von den Menschen- und Automassen, die diese Stadt bevölkern. Als das Handy klingelt, wache ich auf. Es ist Nurgül, sie haben keinen Platz in der Pizzeria bekommen und warten im Café auf mich. Ich hetze los, ich muss die ganze Istiklal-Straße entlanglaufen. Menschenwogen fließen mir entgegen: ganz normale Istanbuler Bürger, die sich amüsieren wollen, Touristen, meist mit Dreadlocks oder zumindest Flipflops, ab und an sieht man auch Deutschtürken, mit deutschen Partnern. Ja, denke ich, das ist eine Stadt für einen Urlaub, hier kann man unmöglich leben. Und frage mich, wie ich hier weitere drei Monate überstehen soll, die Frist, dich ich mir gesetzt habe. Drei Monate, um zu sehen, ob das Leben für mich hier deutlich besser sein wird, als woanders. Wahrscheinlich aber werden es drei Monate, in denen ich schneller graue Haare bekomme, als woanders. Also laufe ich vorbei im Zickzacklauf an den Menschenmassen vorbei, an den Starbucks Cafés, an Benetton, Turkcell und Adidas, versuche, nicht in die Gesichter zu schauen, fast aus Angst, zu viel Blickkontakt könnte mir das Bisschen inneren Frieden rauben, das ich noch besitze. Eine typische Begleiterscheinung der Großstadt, die Angst vor zuviel Nähe. Endlich finde ich die Straße, es ist die Straße, in der ich geboren wurde vor sehr langer Zeit, damals sah sie noch anders aus und damals war hier auch noch kein superhippes Café mit WLAN-Zugang und Ruccola-Parmesan-Salat zu astronomischen Preisen. Nurgül ist sportlich-schick gekleidet mit enger Jeans und Glitter-Puder auf dem Dekolletee. Sie ist eine zierliche Person mit dünnem Haar und einem freundlichen Gesicht. Ulas ist deutlich angestrengt, er schwitzt und raucht. Wir essen beschämt schweigend, da wir nicht die Kraft hatten, ein preisgünstiges Abendessen zu organisieren. Für die beiden muss es noch beschämender sein; sie sind hier immerhin zuhause. Doch so ist es in Istanbul: man kennt eben nur seine gewohnten Ecken und der Rest bleibt fremd. Ulas hat außerdem beim Versuch, einzuparken, ein Auto gerammt, kein Wunder bei dem irrsinnigen Verkehr hier. Außerdem hat er erst kürzlich Führerschein gemacht, wahrscheinlich eine Folge der überängstlichen Erziehung, die er genossen hat. Nurgül versucht zu trösten, ganz liebevoll, sie ist sanft und umgänglich. Er bleibt mürrisch, hat auch keine Lust auf das Konzert. Wir zahlen -das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt keinesfalls- und laufen los, wieder die Strapazen der Einkaufsstraße, wieder die Massen. Als wir in eine Seitenstraße einbiegen, kommt es noch dicker: auf der engen Gasse drängen sich noch mehr Leute, amüsierfreudig quetschen sie sich durch die Tische der Bars, die Fisch- und Souvenirläden. Von den oberen Etagen der Jugendstilhäuser dringt laute Musik, überall sind Menschen und Lärm, Lärm und Menschen. Auf jeder Etage ist eine Bar, hier wird umsonst aus Tarotkarten und Kaffeesatz gelesen, dort laden emsige Casher auf die Terrasse mit Blick über die Dächer ein. Es ist wie im Süden der Türkei zur Hochsaison. Naja, denke ich, wenigstens ist es nicht so heiß. Ulas schaut, als sei sein Blutdruck in die Höhe geschossen, es ist klar, dass kein Segen auf diesem Abend liegt. Nurgül ist vorgerannt und telefoniert wild gestikulierend mit ihren Freunden, die wir treffen sollen, sie fühlt sich offenbar verantwortlich, es war wohl ihre Idee. Ulas hat jedenfalls keine Lust gehabt, seine gewohnte Umgebung zu verlassen. Aber mir zuliebe macht er’s halt mal. Dann erreichen wir endlich den Laden, in dem das Konzert stattfinden soll, Nurgül schaut uns besorgt an, ich lächele, sie scheint etwas beruhigt. Ulas schmollt. Wir durchlaufen eine ausgedehnte Anti-Terror-Prozedur im Türbereich und steigen drei Etagen hoch. Die Bar ist unspektakulär, lauter Pärchen, sehr bürgerlich, die Musik laut und unhip. Nurgül schaut wieder hektisch umher, es gibt keine Sitzplätze. Das Konzert fange erst in zwei Stunden an, heißt es, wir bestellen Bier. 10 Lira, die Flasche Tuborg, umgerechnet 7 Euro, Ulas feixt sich eins und nimmt ein Soda. Nurgül will zahlen, wir beide machen den hier üblichen Wettlauf des am schnellsten Zahlenden, ich gewinne, sie gibt verlegen lächelnd auf. Nach kurzer Zeit geht die Musik mir rasend auf die Nerven, sie spielen allen Ernstes die komplette CD von „Grease“, wieder fühlt Ulas sich im Recht und macht sarkastische Sprüche, diesmal mache ich mit. Nurgül wirkt wie ein flatterndes Huhn und lacht nervös, sie hatte sich das auch anders vorgestellt. Die Musik ist unerträglich, wir stürzen das Bier runter und wollen in eine andere Bar. Doch wir müssen erst Ulas überreden, er brummt etwas von „immerhin 3 Quadratmeter Raum“ und draußen sei „das Inferno“. Doch er kommt widerwillig mit. Ich freue mich insgeheim, keine Beziehung zu führen. Nach dem dritten Bier sehe ich vieles wesentlich gelassener und versuche gegen die dröhnende Musik (diesmal eine Mischung aus funkigem und jazzigem Pop) anzuschreien. Ulas schreibt demonstrativ SMS an eine gute Freundin, geht sogar ein paar Mal zum Telefonieren raus. Nurgül ist unruhig, sie erklärt, das habe hauptsächlich etwas mit dem kleinen Unfall zu tun, den er eben gebaut habe. Sonst sei er nicht so. Ich denke, dass das nicht stimmt und dass ich ihn immerhin schon seit 34 Jahren kenne und dass er noch nie etwas gut gefunden hat, was nicht er bestimmt oder vorgeschlagen hat, halte dazu aber meinen Mund. Ich rate ihr, sich nicht verantwortlich zu fühlen, das Leben erfordere es eben manchmal, dass man flexibel sei. Wir gehen zurück zum Konzert. Kurz darauf geht es auch schon los, die Band ist ganz ok, sie covern berühmte Popsongs und mischen sie im Stil traditionell osmanischer Palastmusik. Die Macht der Musik lässt dann auch alle wieder locker werden, das Bier tut sein übriges – noch ein Tuborg für einen Zehner und noch eins – Nurgül tanzt und Ulas wippt immerhin mit dem Fuß. Mir ist alles schnuppe, ich will nur genug zu trinken. Dann kurz vor eins fällt Nurgül ein, dass das Parkhaus nur bis eins geöffnet habe, ich schlage ihr vor, sie solle bei mir schlafen und Ulas fahren lassen, sie hält das für einen Witz und lacht. Also gehen wir wieder, 30 Lira für die Tickets sind dahin für ein halbes Konzert. Als sie mich zu Hause absetzen, habe ich auf nichts weniger Lust, als zu Hause zu sein, doch ich finde noch eine Dose Efes im Kühlschrank. Ich höre „Playground Love“ von Air, bis ich total betrunken bin und sich in mir kein Widerstand mehr regt.